Die Folgen des Gucci-Kapitalismus
Hat die akute globale Finanzkrise, diese Depression, die London, New York und die ganze globalisierte Welt gleichermaßen trifft, Einfluss auf die Natur des Kapitalismus? Mit dieser Frage befasst sich Noreena Hertz, Professorin für Globalisierung an der Rotterdam School of Management in einem hochinteressanten Essay:
"Abschied vom Gucci-Kapitalismus"
Handelsblatt vom 17.2. 2009.
Hier einige Kernaussagen des Artikels und unsere Kommentare dazu:
Noreena Hertz bezeichnet die aktuelle Situation als die erste wirkliche Krise der Globalisierung, der gegenüber frühere Krisen insgesamt gesehen „harmlos“ waren. In dieser Krise zählt jedermann zu den Verlierern: Sie trifft die Angestellten, die einfachen wie auch die qualifizierten Arbeiter. Sie geht in ihren Auswirkungen sehr tief, wird viele Menschen überall auf der Welt negativ beeinflussen.
Sie ist zugleich so offensichtlich ein Ausdruck dessen, was passiert, wenn private Institutionen ihr Profitstreben über alles andere stellen. Sie ist dermaßen verknüpft mit den fehlerhaften Doktrinen der vergangenen 30 Jahre, dass Noreena Hertz glaubt, diese Krise habe das Zeug dazu, einen radikalen Wandel des Kapitalismus auszulösen, einen radikalen Wandel der Beziehungen zwischen Regierungen, Geschäftswelt und der Gesellschaft.
Und das ist eine Gelegenheit, die wir beim Schopfe packen sollten, meint die Autorin.
Die Autorin bezeichnet die vergangene- eigentlich sollten wir sagen- ablaufende Epoche als den Gucci-Kapitalismus. Das ist eine Ideologie, die Mitte der 80er-Jahre entstand und die sich mit Figuren der Zeitgerschichte wie Ronald Reagan, Margaret Thatcher und Milton Friedman oder Bernhard Madoff verbindet. In dieser Ära war eine der fundamentalen Annahmen, dass Märkte sich selber regulieren sollten, dass die Regierungen die Märkte sich selbst überlassen sollten und dass die Menschen nicht mehr und nicht weniger seien als rationale Nutzenmaximierer. Es war eine Ära, in der sich die Machtbalance zwischen Unternehmen und Gesellschaft zunehmend zugunsten der Wirtschaft verschob. Es herrschte der fast religiös anmutende Glaube in die Kraft der Märkte als effizientem Verteilungsmechanismus für Güter und Ressourcen und als Garant von Gleichheit, Gerechtigkeit und sogar Freiheit.
Noreena Hertz gibt einige sehr prägnante Beispiele dieses Gucci-Kapitalismus,
- so die Top-Manager britischer Banken mit ihren aberwitzig hohen Gehältern
- oder die Hedgefonds- Manager in den USA mit Verdiensten in Milliarden-Dollar-Höhe.
Und zeitgleich, so kommentiert sie, sei die Umwelt zunehmend verwüstet worden, die Klimakatastrophe unbekümmert vorangetrieben, seien Stürme, Hungerkatastrophen uvm. von Politik in den USA und den Unternehmenslobbys weltweit negiert worden. Regulation oder Kontrolle waren nicht gefragt, funktionierte weitgehend nicht. Während Millionengehälter und Boni gezahlt und Spitzengewinne erzielt worden seien- ganz im Sinne einer verantwortungslosen Shareholder-Value- Doktrin- habe man Scharen von Mitarbeitern entlassen, outgesourct, rationalisiert, restrukturiert und die Prozesse unbekümmert verschlankt. Geld war Synonym für Erfolg, Eigennutz (wir erinnern uns an den Slogan: „Geiz ist geil“) und Konsum waren das Maß aller Dinge. Und die Profite aus immer neuen, undurchsichtigeren Quellen und Finanzinstrumenten waren maßlos. Investoren übernahmen bei minimalem eigenem Kapitaleinsatz und Risiko Unternehmen, um sie dann auszuschlachten (das Wort von den Heuschrecken kam auf). Die vorherrschende Moral war: profitable Unternehmen und hoher Shareholder-Value sind gut für die Gesellschaft.
So war der Gucci-Kapitalismus nach Noreena Hertz die Zeit, in der sich in all jenen Ländern, die diesem Glauben anhingen, eine immer tiefere Kluft zwischen der Wirtschaft und der sozialen Gerechtigkeit – und der gesellschaftlichen Verantwortung- auftat. Sozialverantwortliches Handeln von und in Unternehmen war nicht gefragt, Gewinne wurden privatisiert und Verluste gerne und schnell sozialisiert zum Nachteil der Volkswirtschaften und der Arbeitnehmer.
Wenn Sie mehr über Noreena Hertz hochinteressante Analyse und Thesen lesen wollen- hier geht’s zum ganzen Artikel aus dem Handelsblatt
Und spätestens an dieser Stelle wird für unsere Leser der Grund erkennbar, warum wir uns diesem vermeintlich für unsere Profession als Change Berater sachfremdem Thema widmen:
Es nimmt nicht wunder, dass eine solche Zeit ihre eigenen Managertypen brauchte und schuf. Und damit sind wir bei den Zahlen-Daten-Fakten- Managern, die aus den MBA- und Berater-Kaderschmieden in Schlüsselpositionen unserer Wirtschaft in Deutschland wechselten. Dieser Thematik haben wir vor kurzem einen eigenen Beitrag gewidmet, in Anlehnung an den Artikel von Klaus Werle im manager-magazin unter dem Titel „die Manager-Klone“. Auch in jener Betrachtung geht es um die einseitige Dominanz von Shareholderdenken und ausschließlich finanzwirtschaftlicher Handlungsorientierung.
Noreena Hertz schließt ihre Abhandlung mit folgendem Appell:
Und wir möchten das Thema abschließen mit dem Wunsch und der Hoffnung, dass eine neue Einsicht und ein ausgeglicheneres Wirtschaftssystem auch mit den dazu passenden Managern und Führungskräften ausgestattet wird. Auf einen Nenner gebracht- auch bei unseren Managern sollte mehr Stakeholder- Orientierung handlungsprägend werden und der Shareholder-Value- Ansatz sollte mit Sozialverantwortung gepaart werden. Dann haben wir die Manager, die in Handeln und Führung über die Kompetenzen verfügen, die in Zeiten grundlegenden Wandels gebraucht werden.
Nachtrag:
Offensichtlich hat N. Hertz mit ihren Thesen einen Nerv getroffen. Einen Tag nach Erscheinen des Artikels gibt es bereits ziemlich „abwertende“ Kommentierungen- von einem -offenbar traditionell-konservativen „Senior- Economist“:
Gucci Capitalism, Cliches and Reality...
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